Rückblick auf den Online-Workshop „Patternentwicklung für die digitale Hochschullehre“

Am 19. November 2020 wurde vom Innovationsforum „Didaktische Konzeptentwicklung“ im Rahmen des digLL-Projekts an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) ein halbtägiger Online-Workshop zum Thema „Patternentwicklung für die digitale Hochschullehre“ durchgeführt.

Nach einem kurzen Input zum Thema Patterns und Pattern Mining haben während des Workshops insgesamt 11 Teilnehmende von 5 verschiedenen deutschen Hochschulen gemeinsam in Breakout Sessions Patterns für die rein digitale Hochschullehre erarbeitet.

Wir freuen uns, dass durch eine heterogene Gruppe bestehend aus z. B. Lehrenden und Mitarbeitenden von Serviceeinrichtungen verschiedenste Praxiserfahrungen in die Patternentwicklung einfließen konnten.

Die im Workshop bearbeiteten Problemstellungen wurden aus Beratungserfahrungen sowie den Ergebnissen der JLU-Studierendenbefragung zum ersten rein digitalen Semester generiert und den Teilnehmenden in der ersten Anmelderunde zur Abstimmung gestellt.

Die folgenden Patterns sind die Ergebnisse aus unserem Online-Workshop. Diese Ergebnisse aus der ersten Runde des Pattern Mining-Prozesses werden vom Team des Innovationsforums noch weiter überarbeitet, ergänzt und finalisiert werden. Wir freuen uns außerdem, wenn auch Sie sich über die Kommentarfunktion am weiteren Prozess beteiligen, indem Sie uns Ihre eigenen Praxiserfahrungen im Zusammenhang mit den Problemstellungen und Lösungen mitteilen!

Lösung: Gemeinsames Erstellen eines komplexeren digitalen Lernprodukts (Video, Podcast, Lernprogramm, etc.)

Beschreibung: Studierende erstellen über einen längeren Zeitraum hinweg (z. B. ein ganzes Semester) ein Medienprodukt, das in das Lehrgeschehen gut eingebunden ist.

Lehrveranstaltungstyp: kleinere Lehrveranstaltungen (z. B. Seminare, Übungen)

Studienniveau: variabel, Steuerung ggf. über Maß der Anleitung

Lerninhalt: variabel

Prüfungsleistung: kontinuierliche Begleitung (z. B. im Rahmen eines E-Portfolios)

Vorteile

(+) Heterogene Vorkenntnisse und Kompetenzen in den Gruppen können Qualität des Lernprodukts steigern.

(+) Durch permanente Begleitung und permanentes Feedback von dem/der Lehrenden kann qualitativen Einbußen rechtzeitig entgegengesteuert werden.

(+) Die gemeinsame Arbeit an einem Lernprodukt ist sowohl synchron als auch asynchron möglich.

(+) Es werden, neben Fachkompetenzen, Zusatzkompetenzen, wie Medienkompetenz und soziale Kompetenz gefördert.

(+) Der entstehende Content kann nach der Lehrveranstaltung ggf. weiterverwendet werden (Nachhaltigkeit).

(+) Dass das Produkt nicht „nur für den/die Lehrende/n“ erstellt wird, kann als Motivationsfaktor und Qualitätsanreiz dienen.

(+) Flexibles, zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten wird ermöglicht.

(+) Die Arbeit an einem Lernprodukt lässt sich in Präsenz nahtlos, und vereinfacht, weiterführen, ist also nicht auf ein rein digitales Szenario beschränkt.

Nachteile

(-) Die Erstellung eines Lernprodukts durch Studierende ist auch für den/die Lehrende/n sehr vorbereitungs- und betreuungsintensiv; der Erfolg auch von der Betreuung abhängig.

(-) Ein ehemals evtl. klassisches Lehrkonzept muss kreativ ausgestaltet werden, die Prüfungsleistung muss angepasst werden.

Stolpersteine & Herausforderungen

Motivationale Faktoren spielen bei den Studierenden eine große Rolle; intrinsische Motivation ist wichtig.

Daher sollte u. a. die Bewertung der Produkte gut durchdacht und transparent gemacht werden; ggf. könnten benotete und unbenotete Teile kombiniert werden.

Ein Abgleich mit der Prüfungsordnung ist außerdem notwendig.

Sinnvoll scheint zudem ein Praxis- bzw. Berufsbezug, auch die fachliche Komponente sollte bei der Bewertung nicht vernachlässigt werden.

Die Bewertungskriterien könnten auch gemeinsam mit den Studierenden erarbeitet werden.

Das Gelingen hängt auch von der Gruppendynamik ab.

Falls die Produkte qualitativ nicht hoch einzustufen sind, kann die ganze Gruppe darunter leiden.

Wichtig scheint es, im Vorfeld die Vorkenntnisse der Studierenden zu überprüfen und für die Zusammenarbeit nutzbar zu machen, z. B. in Bezug auf die Medienkompetenz.

Der Prozess kann sowohl für Lehrende als auch für Studierende voraussetzungsreich sein. Auch der/die Lehrende benötigt gewisse Kompetenzen im Umgang mit Medien.

Kombinationsmöglichkeiten

Die Kombinationsmöglichkeiten sind abhängig vom gewählten Lernprodukt.

Über einen digitalen Test könnten Vorkenntnisse abgefragt werden, um die Gruppen so zusammenzustellen, dass sie von den Kompetenzen und dem Wissen der jeweils anderen profitieren.

Die Erstellung des Produkts kann auch mit formativen Elementen, wie einem E-Portfolio oder Blog kombiniert werden, in dem die Studierenden ihren Prozess festhalten.

Zur Prozessunterstützung eignen sich auch Chatprogramme (z. B. Mattermost), virtuelle Räume in Webkonferenzen, Projektmanagement-Software (z. B. Trello) oder LMS-eigene Werkzeuge.

Werkzeuge

Welche Werkzeuge bei der Produktion eingesetzt werden können, hängt davon ab, welche Art von Lernprodukt erstellt werden soll.

Lösung: Gruppenarbeit in synchronen Webkonferenz-Veranstaltungen (z. B. in Breakout Rooms)

Beschreibung: In dieser Beispiellösung fokussieren wir uns auf synchrone Lehrveranstaltungen. Dafür schlagen wir die Durchführung von Gruppenarbeiten (z. B. in Breakout Sessions) vor. Durch die Untergliederung in mehrere Gruppen, die jeweils in einem eigenen Raum arbeiten, den der/die Lehrende betreten kann, können sich die Studierenden und die Lehrperson potenziell gut austauschen. Hierbei gibt es selbstverständlich ein paar Herausforderungen und Stolpersteine, die für ein Gelingen zu beachten sind.

Lehrveranstaltungstyp: variabel

Studienniveau: je weniger Vorerfahrung, desto genauer in der Aufgabenstellung definiert, zeitlich kürzer und inhaltlich simpler (ggf. im Seminarverlauf Einsatz stückweise steigern) und eher spielerisch heranführen

Lerninhalt: variabel

Prüfungsleistung: variabel

Vorteile

(+) In Gruppen kann die Hemmschwelle, dem/der Lehrenden oder Kommiliton/innen bei Verständnisproblemen Fragen zu stellen, geringer sein als im Plenum.

(+) Der/die Lehrende wiederum erhält dadurch einen besseren Einblick in den Lernstand und in etwaige Verständnisprobleme der Studierenden.

(+) Der direkte Kontakt zwischen Lehrperson und Studierenden ist in Gruppen (bzw. Breakout Sessions), die der/die Lehrende im Verlauf immer wieder betritt, größer. Dies gilt insbesondere im Vergleich zu großen Lehrveranstaltungen, die ausschließlich im Plenum durchgeführt werden.

Nachteile

(-) Da der/die Lehrende nicht mit allen Gruppen gleichzeitig interagieren kann, kann es schwierig sein, allen Gruppen gerecht zu werden. Dies gilt insbesondere für Veranstaltungen mit vielen Gruppen gleichzeitig.

(-) Dadurch bzw. bei nur unregelmäßigen Besuchen in den Breakout Sessions, z. B. nur nach Anforderung von Unterstützung durch die Studierenden einer Gruppe, können Lehrende Schwierigkeiten oder Probleme teilweise erst spät bemerken (z. B. erst bei der Ergebnisvorstellung).

Stolpersteine & Herausforderungen

Um den oben beschriebenen Nachteilen entgegenzuwirken, ist es empfehlenswert, die Gruppenarbeit strukturell gut vorzubereiten. Zum Beispiel sollte mit den Studierenden abgesprochen werden, zu welchen Zeitpunkten und mit welcher Intention der/die Lehrende in den Gruppen vorbeisieht und wie die Studierenden bei Bedarf Unterstützung von der Lehrperson anfordern können. Durch diese Planung kann ein Stück weit dem potenziellen Problem entgegengewirkt werden, durch den Beitritt in die Gruppen den Gruppenprozess zu unterbrechen.

Wie bei den Nachteilen bereits angesprochen, kann es für Lehrende (ansonsten) sehr anstrengend sein, den Überblick über die Gruppen zu behalten.

Tutor/innen können Lehrende hier entlasten und eine längerfristige Bezugsperson für die Studierenden darstellen.

Zudem sollten Arbeitsaufträge klar formuliert sein und idealerweise Meilensteine (zeitliche Vorgaben und dazu konkrete Arbeitsblöcke) definiert werden, um hier etwaigen Unklarheiten von Anfang an entgegenzuwirken.

Die Gruppengrößen sollten den Arbeitsaufträgen und den in den Gruppen möglicherweise einzusetzenden kollaborativen Tools entsprechend skaliert sein. Idealerweise wird den Studierenden außerdem Zeit gegeben, sich in mögliche zusätzliche Tools einzuarbeiten, um zu verhindern, dass die Arbeit mit den Tools den eigentlichen Gruppenprozess ausbremst.

Kombinationsmöglichkeiten

Bei Fragen und Unterstützungsbedarf in den Gruppen, ist es wichtig, den Studierenden einen Kommunikationskanal anzubieten. Manche Webkonferenzsysteme verfügen in Breakout Sessions über die Funktion, Hilfe anfordern zu können. Ansonsten ist es eine Möglichkeit, ein zusätzliches Tool einzusetzen (z. B. Tweedback, Jabber). Dieses kann dann auch von der Lehrperson genutzt werden, um alle Gruppen gleichzeitig zu erreichen.

Zur Unterstützung des kollaborativen Arbeitens bieten sich, je nach Aufgabenstellung, Tools wie ein Whiteboard (in vielen Webkonferenzsystemen vorhanden, ansonsten z. B. OpenBoard, Conceptboard), ein Etherpad (z. B. in ILIAS, Moodle oder Cryptpad) oder „geteilte Notizen“ (Moodle) an. Wenn die Tools nicht in das Webkonferenzsystem integriert sind, laufen die kollaborativen Arbeitsprozesse über einen anderen Kanal (auch wenn sie, per Bildschirmteilung, alle sehen können). Von Lehrenden erfordert dies mehr Kompetenzen bei der Anleitung und Unterstützung der Studierenden.

Zur Themenfindung, Fragensammlung, Feedback etc. kann zusätzlich ein Live Voting-Tool oder ein webkonferenzeigenes Umfrage-Tool genutzt werden. Denkbar wäre hier auch eine abgewandelte Form der Peer Instruction, bei der die Peer-Austauschgespräche in Gruppen in Breakout Sessions stattfinden und der/die Lehrende durch Besuch der Sessions einen Einblick in die Argumentationsweisen der Studierenden erhält sowie Hilfestellungen geben kann.

Werkzeuge

Breakout Sessions (z. B. in Cisco Webex, Zoom, BigBlueButton, MS Teams), alternativ separate Konferenzräume über Links (z. B. in Adobe Connect, Jitsi)

Lösung: E-Portfolio

Beschreibung: E-Portfolios sind digitale Sammelmappen, die verschiedene Dateiformate bzw. Medienprodukte wie Dokumente (z.B. PDF, HTML), Bilder-, Video- und Audiodateien integrieren. Studierende können darin verschiedene Dokumente sammeln, dokumentieren, beschreiben, analysieren, ihren Arbeits- oder Lernprozess reflektieren und ihre Kompetenzen präsentieren.

Lehrveranstaltungstyp: variabel; große Veranstaltungsgröße (einsetzbar als Peer-Feedback-Tool), mittlere Veranstaltungsgröße (als Peer-Feedback-Tool), kleine Veranstaltungsgröße (als Lerntagebuch); Kriterium: einsatz- & inhaltsbezogen

Studienniveau: variabel (Betreuung/Begleitung erforderlich)

Lerninhalt: kompetenzorientiert oder wissensorientiert (in Abhängigkeit von den Inhalten)

Prüfungsleistung: das E-Portfolio selbst als Prüfungsleistung oder das E-Portfolio als Hilfsmittel für eine schriftliche/mündliche Prüfungsleistung (z. B. zur Lernstandskontrolle)

Vorteile

(+) Digitale Sammelmappen können dabei helfen, die Fortschritte und die Entwicklung der Lernenden im Laufe einer Veranstaltung erkennbar zu machen.

(+) Sie können semesterbegleitend und in Gruppen erstellt werden.

(+) Das Geleistete wird auch für den/die Studierende/n selbst sichtbar (selbstreguliertes Lernen).

(+) Grundsätzlich sind den Studierenden, wenn durch die Lehrperson keine starren Vorgaben gemacht werden, bei E-Portfolios gewisse Freiheiten in der gestalterischen und inhaltlichen Umsetzung gegeben (Lernendenzentrierung).

(+) Digitale Sammelmappen können für Bewerbungen genutzt werden, um so die im Studium erworbenen Kompetenzen zu präsentieren.

(+) Die Nutzung von E-Portfolios ist „pandemiefreundlich“.

Nachteile

(-) Die Notwendigkeit, eine digitale Sammelmappe kontinuierlich zu befüllen, kann Studierende demotivieren.

(-) Die Kompatibilität mit der Prüfungsordnung ist nicht immer gegeben.

(-) Die Bewertungskriterien können, wenn von dem/der Lehrenden nicht transparent kommuniziert, unklar sein.

Stolpersteine & Herausforderungen

Bei digitalen Sammelmappen sollte beim kontinuierlichen Arbeitsprozess daran eine Betreuung/Begleitung gewährleistet sein.

Eine nicht gut gewählte Auswahl der Materialien durch den/die jeweilige/n Studierende/n kann den Lernprozess stören.

Wenn die E-Portfolio-Arbeit obligatorisch ist und z. B. der Mehrwert für die Studierenden nicht erkennbar, kann dies die Motivation, daran zu arbeiten, hemmen.

Kombinationsmöglichkeiten

Durch die Freischaltung des eigenen E-Portfolios für andere, sind verschiedene (Peer-)Feedback- bzw. Peer-Assessment-Szenarien möglich.

Ein E-Portfolio kann in Moodle über die „Abgabe“ in ILIAS über die „Übung“ eingereicht werden.

Werkzeuge

LMS-eigene Tools (z. B. in ILIAS, OpenOLAT), Mahara, Pebblepad

Pattern bezeichnet man auch als Entwurfsmuster, welche Lösungen zu einer bestimmten Problemlage liefern. Sie haben einen hohen praktischen Bezug und bieten eine Alternative bspw. zu reinen Methodenblättern.

Die im Rahmen des Blogs aufgeführten Pattern basieren auf der Grundlage des im Oktober 2019 an der TU Darmstadt stattgefundenen Barcamps des Innovationsforums Didaktische Konzeptentwicklung.

Sie haben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit und sollen vielmehr alle Leser_innen einladen uns ihr ergänzendes Feedback über die Kommentarfunktion dazu zu geben. Damit möchten wir dazu anregen, sich inhaltlich an der Ausarbeitung der Pattern zu beteiligen, und werden im Laufe der Projektlaufzeit noch weitere Pattern in dieser oder ähnlicher Form veröffentlichen.

Die Patterns stehen unter der Lizenz CC BY-SA 4.0.

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